Das Hohner-Akkordeonorchester 1927 Trossingen e.V.

www.hohner-orchester.de - Gründung des Schittenhelm-Orchesters: 85 Jahre liegen zwischen diesen beiden Synonymen, wobei das erstere für die heutige, zeitgemäße Vereinsorientierung steht, das letztere für den Beginn des Hohner-Handharmonikaorchesters und damit auch für den Anfang der Orchesterbewegung im Akkordeon- und Handharmonikasektor überhaupt.

Viel Luft wurde zwischenzeitlich in den Bälgen der unzähligen Orchesterspieler weltweit bewegt. Selbst Dr. Ernst Hohner hat sich sicherlich trotz seines Weitblicks in Sachen Akkordeonkultur in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, welche Weichenstellung er vollzog, als er 1922 dem damals 29-jährigen Hermann Schittenhelm eine Stellung als Instrumentenmacher in der Matth. Hohner AG angeboten hat.Fünf Jahre später gründete Schittenhelm auf Initiative von Dr. Ernst Hohner das 1. Trossinger Handharmonika-Orchester, welches in der Bevölkerung schon bald den Beinamen Schittenhelm-Orchester erhielt. Die Spieler rekrutierten sich samt und sonders aus den Hohner-Werken. Somit war es auch möglich, die Aktiven von der Arbeit freizustellen, wenn beispielsweise Konzertreisen anstanden. Schon bald begann dieses Orchester dann auch im In- und Ausland mit mehr oder weniger großen Tourneen, um die Hohner-Instrumentenpalette und deren musikalische Möglichkeiten im Zusammenspiel bekannt zu machen. Die Begeisterung, die diese Konzerte von Schittenhelms Harmonikanern beim Publikum hinterließ, führte dann auch bereits zu ersten Gründungen von Akkordeonorchestern.

Schittenhelm entwickelte sein musikalisches Können zwischen 1929 und 1934 bei keinem geringeren als Prof. Hugo Herrmann aus Reutlingen weiter und hat mit seinem Orchester bereits vor dem Krieg durch Engagements in nahezu allen Radiosendern eine immense Popularität erreicht. Die erste Schallplatte bespielte das Schittenhelm-Orchester bereits 1932 bei der Schallplattenfirma Gloria, unzählige folgten bis in die heutige Zeit.

Im Jahr 1931 trat der damals 11-jährige Akkordeonspieler Rudolf Würthner in das Orchester ein, der damals bestimmt noch keine Ahnung davon hatte, dass er in den Jahren 1968 bis 1974 dieses Orchester einmal selbst leiten würde.

In den Wirren des zweiten Weltkrieges, in den auch viele Spieler des Orchesters einrücken mussten, kam die Konzerttätigkeit des Orchesters für einige Jahre vollständig zum Erliegen. Gemäß einem alten Orchesterleitspruch („Die Musik ist das wirksamste Mittel, in einer Gemeinschaft aufzugehen, ohne sich in ihr zu verlieren“) trafen sich dann im August des Jahres 1945 die bis dahin zurückgekehrten Spieler in der Städtischen Musikschule Trossingen, der heutigen Musikschule Trossingen, um die Möglichkeiten für eine Wiederaufnahme der Konzerttätigkeit zu besprechen. Zu der anfänglich noch recht kleinen Gruppe, einige frühere Spieler waren noch in Gefangenschaft, stießen schon bald neue „Diatoniker“ und „Chromatiker“ hinzu. Trotz aller Probleme mit Transportbehinderungen, Passierscheinpflicht, Lebensmittelknappheit usw. war klar, dass man dort wieder weitermachen wollte, wo man vor dem Krieg hatte aufhören müssen. So konnte auch bereits am 1. Mai 1946 das erste Nachkriegskonzert in Sulz am Neckar stattfinden, zu dem immerhin 16 Spieler unter dem Dirigat von Hermann Schittenhelm auf dem Marktplatz versammelt waren, darunter bekannte Namen wie Margot Eisenmann, Wilhelm Messner und Hans Rauch.

Die größten Schwierigkeiten bildeten die fehlenden Transportmittel. Das Orchester war oft gezwungen, im LKW zu verreisen, offen oder geschlossen, je nach Wetterlage. Häufig liest man zu der Zeit in der Vereinschronik von verspäteten Konzertbeginnen bzw. später Heimkehr des Orchesters aufgrund von diversen Pannen. Erst am 7. April des Jahres 1951 stand der damals funkelnagelneue Hohner-Omnibus mit Panorama-Dachfenstern dem Orchester zur Verfügung, als die Einweihungsfahrt nach Konstanz ging. Dieser Bus sollte für viele Jahre die „zweite Heimat“ der SpielerInnen werden.

Zurück zum Jahr 1946: trotz aller Widrigkeiten absolvierten die Musiker immerhin bereits 31 Konzerte, die räumlich allerdings auf die französische Besatzungszone beschränkt bleiben mussten. Erst im Jahr 1948 durfte das erste Mal die Zonengrenze überschritten werden.Schon damals war es üblich, dass die Musiker des Orchesters tagsüber ihren „normalen“ Tätigkeiten nachgingen, die vom Schreiner über Mechaniker und Stimmer bis zum Dozenten an der Städtischen Musikschule reichten. Bis zum heutigen Tag ist das Hohner-Akkordeonorchester ein reines Laienorchester, wenngleich in der Presse hier oftmals fälschlicherweise etwas anderes behauptet wird. Und auch eine andere Tatsache hat sich bis heute gehalten: nirgendwo ist das Publikum kritischer und strenger mit dem Orchester, als in sein Heimatstadt Trossingen!

Was die Entwicklung des Repertoires anging, so ist der ständig anspruchsvolleren Zuhörerschaft im Laufe der Jahrzehnte immer Rechnung getragen worden. Um dies zu dokumentieren wird nachfolgend das Programm zum Jubiläumskonzert anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Hohner-Orchesters am 10. und 11. Dezember 1947 im Linden-Saal in Trossingen wiedergegeben:

Mit flottem Schritt, Marsch, H. SchittenhelmOuvertüre zur Oper „Alessandro Stradella”, Fr. v. Flotow / E. KohlerStändchen (mit Solo-Mundharmonika), H. Herrmann„Les millions d’Arlequin“ (mit Solo-Mundharmonika), R. Drigo / E. KohlerSamt und Seide, Walzer, C. M. Ziehrer / E. KohlerMondschein-Ständchen, F. HaagMarsch der Stadtpfeifer, F. HaagMelodien aus „Der Vogelhändler, C. Zeller / H. SchittenhelmChromonica-Fox (mit Solo-Mundharmonika), Hans RauchCzardas (mit Solo-Mundharmonika), E. Monti / Hans RauchLiebe zur Harmonika, E. KohlerPaso doble, E. KohlerLändler – Intermezzo – Marsch, H. Schittenhelm

Dazu kamen noch diverse Solobeiträge von Schittenhelm auf dem chromatisch-gleichtönigen Knopfakkordeon und der diatonisch-wechseltönigen Handharmonika wie die Rakoczy-Ouvertüre, Kéler Béla / H. Schittenhelm, Der Ziegenbock, H. Schittenhelm, Musette-Walzer, H. Schittenhelm.

Dabei ging es im Orchester keineswegs nur knochentrocken und ernst zu. Auch überfachliche Aktivitäten wurden gerne gepflegt. So spielte das Schittenhelm-Orchester am 1. Oktober 1948 gegen eine Abteilung der Firma Hohner Fußball. Ein Zuschauer meinte damals: „zwei Schdonde Willi Reichert hädded ´it luschdiger si kenne“. (zwei Stunden Willi Reichert (bekannter schwäbischer Komiker) hätten nicht lustiger sein können). Das Orchester verlor dieses Spiel übrigens aufgrund eines heimtückischen Eigentors...

Auch die zumeist am Jahresanfang abgehaltenen Kameradschaftsabende sind als legendäre Veranstaltungen in die Vereinsgeschichte eingegangen. Diese Tradition hält das Orchester bis in die heutigen Tage aufrecht, indem in der Regel Ende Januar eine sogenannte „Winterwanderung“ zumeist unter Führung des Dirigenten stattfindet. Diese Wanderungen sind fast immer mit unerwarteten Widrigkeiten gespickt, sei es nun dadurch, dass ein Sturm namens Lothar die geplanten Wege zu von Rotwild bewohnten Klettersteigen umgewandelt hatte oder dass durch Fehleinschätzungen seitens der Wanderführung morastig-sumpfige Querfeldein-Märsche mit üblen Folgen für das Schuhwerk und das Beingehäuse der Musiker in Kauf genommen werden mussten. Das alles entschädigt dann aber die gemeinsame Stärkung im Gasthaus, die zumeist so intensiv ausfällt, dass mancher eher wieder geschwächten Beines das Lokal verlässt. Hier findet immer noch der alte Spruch Anwendung: „Wer schaffen will, muss fröhlich sein.“

Eine andere Besonderheit ist ebenfalls seit frühester Zeit bis heute erhalten geblieben: Anlass zur Geselligkeit gaben und geben vor allem auch die Konzertfahrten selber sowie das Beisammensein mit befreundeten Akkordeon-Orchestern bei Gemeinschaftsveranstaltungen. Keine Fernsehsendung kann die Heiterkeit erzeugen, die im Bus nach einem gelungenen Konzert zumeist spontan aufkommt, wobei hier nicht etwa der Alkohol die Triebfeder ist. Angesichts der Tatsache, dass im Gegensatz zu früheren Zeiten die wenigsten Spieler in Trossingen wohnen (im Jahr 2012 sind dies gerade mal fünf von 25, wenn man die Randbezirke noch mit dazu rechnet; Tendenz: fallend), haben die meisten Spieler nach der Omnibusfahrt noch Strecken bis zu 200 km vor sich, die an Alkoholgenuss nicht denken lassen.

Dieser Sachverhalt war früher wohl etwas anders gelagert, es war üblich, auf den Vereinsreisen an manchen Gaststuben Rast zu machen. Wenn man dann noch weiß, dass beispielsweise zu einem normalen Frühschoppen-Konzert die Spieler nicht nur verköstigt wurden, sondern jeder auch noch einen „Gutschein über drei Maß Bier“ erhielt...

Auch die Tatsache, dass beispielsweise in Oppenau im Jahr 1951 anlässlich des Bezirkstreffens kleine Fläschchen mit Kirschwasser als Festabzeichen dienten, lässt Rückschlüsse auf die Trinkfestigkeit zu, die von einem/r echten Hohner-Orchester-MitspielerIn erwartet wurden.

Mit der Generalversammlung am 24. November 1950 beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Orchesters: es wurde mit der Wahl einer Vorstandschaft und eines Ausschusses die Vereinstätigkeit wieder aufgenommen. Aber erst am 22. Januar 1998 führte dies zu einem eingetragenen, als gemeinnützig anerkannten Verein, als im Trossinger Gasthaus Germania um 20 Uhr die Vereinsgründungsversammlung stattfand. Das folgende Vereinsführungsteam ging aus den Wahlen hervor:

1. Vorsitzender: Matthias Keller (amtierend)

2. Vorsitzende: Elvira Hüneke (aktuell Schriftführerin)

Kassenführung: Andrea Pflug (aktuell Beisitzerin)

Schriftführung: Miriam Schmidt (nicht mehr im Orchester)

Beisitzer: Sandra Keller (nicht mehr im Orchester),

Loris Preti (nicht mehr im Orchester)

Dirigent: Johannes Baumann (amtierend)

 

Der ideelle Vereinsgründer Dr. Ernst Hohner wurde anlässlich seines 65. Geburtstags am 28. Juni 1951 zum Ehrenvorsitzenden gewählt. In diesem Ehrenamt folgte ihm 1998 der langjährige 1. Vorsitzende Gerd Nester. Dazwischen genossen die Herren Dr. Karl Hohner und Dr. Karl Scherer den Titel des Ehrenvorsitzenden.Die Vorsitzenden waren in der Vereinschronik die Herren W. Mauthe, A. F. Allgaier, E. Auwärter, A. Offterdinger, G. Nester und derzeit amtierend M. Keller.Wie sehr Einzelschicksale in die Vereinsgeschichte eingeschlossen sind zeigt sich ganz deutlich am von allen unvergessenen Spieler Walter Haller. Am 20. Oktober 1951 spielte das Orchester anlässlich dessen Hochzeit mit Ehefrau Anni. Schon damals war Walter Haller ein zuverlässiger allseits beliebter Spieler im Orchester. Er blieb es auch bis zum 15. August 1998, als er nach rund 70 Jahren aktiver Zugehörigkeit zum Verein von „seinem“ Orchester musikalisch von dieser Welt verabschiedet wurde.

Trotzdem sind wirklich langjährige Spieler im Orchester seltener anzutreffen wie in anderen Akkordeonvereinen. Nur ein Spieler bringt es im Jubiläumsjahr auf rund 50 Jahre Mitgliedschaft. Dann folgt nach einer große Lücke eine 30-jährige Mitgliedschaft und 15 – 20 jährige Tätigkeiten im Verein. Dies liegt daran, dass sich heute die Spieler nur noch in Ausnahmefällen aus ortsansässigen Mitarbeitern der Firma Hohner rekrutieren. Die meisten sind engagierte Spieler aus der näheren und weiteren Umgebung, sowie vereinzelt Studenten des Konservatoriums. Hier sind berufs- und ausbildungsbedingte Abbrüche der Zugehörigkeit zum Orchester vorbestimmt.

Die Ära Schittenhelm, in der die Spieler weit über 2000 Konzerte absolvierten und die Trossinger Tracht in aller Welt bekann machten, ging erst im Jahr 1968 zu Ende, als der Altmeister nach über 40 Jahren Dirigententätigkeit im Alter von 75 Jahren den Taktstock aus Altersgründen niederlegte. Zwei Jahre davor wurden er und sein Lebenswerk, das Hohner-Orchester, in zwei Fernsehsendungen des ZDF noch einmal würdig der breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Rudolf Würthner war es, der die Führung des Orchesters übernahm, nachdem „sein eigenes“ Orchester, das Orchester des Hauses Hohner, im Jahr 1963 aufgelöst wurde. Für ihn schloss sich damit in gewisser Weise der Kreis, denn Schittenhelm war sein erster Lehrer und im Hohner-Orchester hatte er seinen musikalischen Lebensweg begonnen. Trotz ständiger Besetzungsschwierigkeiten führte Würthner das Orchester zu einem neuen Höchststand und leitete es bis wenige Wochen vor seinem Tod am 03. Dezember 1974. Noch heute denken die damaligen Spieler ehrfurchtsvoll an die eindrucksvolle Probearbeit zurück, die ihr „Ruedl“ dem Orchester angedeihen ließ. In dieser Zeit gab es neben unzähligen, erfolgreichen Konzerten auch wieder zwei besondere Highlights: die Mitwirkung an der Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ im Jahr 1970 in Hamburg und einmal mehr die Gestaltung eines „Sonntagskonzerts“ im ZDF im Jahr 1972.Der ebenfalls bekannte Akkordeonsolist, Arrangeur und Komponist Hans Rauch sprang spontan in die Bresche und übernahm zwei Jahre lang die Leitung des Hohner-Orchesters, bis dann der langjährige Konzertmeister im Hohner-Orchester und auch im Orchester des Hauses Hohner, Karl Perenthaler, zum Orchesterchef ernannt wurde. Bis zum Ende des Jahres 1991 führe auch er die Trossinger Musiker von Erfolg zu Erfolg. Sein Abschied erfolgte an der Hohner-Weihnachtsfeier des Jahres 1991 im Dr. Ernst-Hohner-Konzerthaus, als er ein letztes Mal den geladenen Gästen den von ihm einstudierten Facettenreichtum des Hohner-Akkordeonorchesters nahe brachte. Mit Johannes Baumann als Nachfolger erlebte das Orchester gleichzeitig einen Generationswechsel. Zum ersten Mal in der Orchestergeschichte stand ein erst 32-jähriger Mann vor dem Orchester, was manch einem der älteren Spieler zunächst einmal eher bedenklich erschien. Aber Baumann strafte die Skeptiker Lügen und brachte das Hohner-Orchester erneut weiter nach vorne. Die Anzahl der Engagements wuchs. In die Schweiz, nach Frankreich und Italien, von vielen Nachbarländern wurde und wird das Orchester zumeist immer wieder eingeladen.Gerne denken die Spieler an die Auslandstourneen und die vielen Auftritte im Rahmen von Jubiläen anderer Vereine zurück.

Nicht immer war aber alles nur erfreulich. Dass beispielsweise in Mainz sämtliche Instrumente einschließlich Verstärker, Pauken und Schlagzeug kilometerlang durch die Innenstadt getragen werden mussten, weil der Busfahrer seine Lenkzeiten minutengenau eingehalten hat, war kein so recht lustiges Erlebnis. Auch der von kräftiger Rauchentwicklung begleitete Komplettausfall des Stroms aufgrund fehlerhafter Installation mitten in einem Konzert in Italien lässt manchen Spieler und vermutlich auch den Dirigenten noch im Nachhinein erschauern. Dazu kommen die üblichen Transportprobleme, deren Palette von leichteren Verformungen der Omnibusaußenhaut über defekte Lichtmaschinen, nicht einstellbaren Klimaanlagen bis hin zum Totalausfall mit vier Stunden Standstreifenerfahrung reichen. Vielleicht werden sich ja in naher Zukunft zu den Omnibus-Erlebnissen auch Begebenheiten mit Flugzeugen in die Erinnerung der Spieler einreihen, aber dann hoffentlich nur positive! Als Fazit dieser Ausführungen bleibt festzuhalten: das Hohner-Akkordeonorchester 1927 Trossingen e.V. ist ein zeitgemäßer Verein, der mitten im Leben steht, sich aber seiner Verantwortung als Traditionsorchester bewusst ist: der Pflege der anspruchsvollen Akkordeonmusik. Die Spieler und die Vorstandschaft werden alles daransetzen, auch beim Eintritt in die dreistelligen Geburtstagszahlen einen soliden und musikalisch brillanten Verein feiern zu können.