Auch Pausen sind mit Spannung geladen

Hohner-Akkordeonorchester tritt im Konzerthaus auf – Musiker beweisen beim Mambo absolute rhythmische SicherheitTrossingen sz

„Ui, sind Sie aber viele“. Mit diesem erfreuten Ausruf hat Matthias Keller, Vorsitzender des Hohner-Akkordeonorchesters 1927 Trossingen, am Samstagabend die Gäste zum Jahreskonzert im Dr.-Ernst-Hohner-Konzerthaus begrüßt. „Das Wetter hat uns zugespielt“, scherzte er weiter, „es war zwar schön, aber zum Grillen ist es doch noch zu kalt“.

Die große Fangemeinde des Hohner-Akkordeonorchesters 1927 erlebte mit Johannes Baumann und seinen Spielern dann einen musikalisch brillanten, abwechslungsreichen Abend. Spannend und stimmungsvoll eröffnete die Freischütz-Ouvertüre von Carl Maria von Weber das Konzert. Hörnerklang mit dem Akkordeon? Die Klangimitation gelang perfekt.

Volkstümliche Klänge wechselten mit der dunkeln und unheilverkündenden mystischen Stimmung in der Wolfsschlucht ab. Schwungvoll ging es mit dem Rhapsodischen Walzer Nr. 1 von Friedrich Haag weiter. Dieser Walzer zählt zu den ersten Originalkompositionen für Akkordeonorchester mit Konzertcharakter. Seine Uraufführung spielte 1933 das Hohner-Akkordeonorchester unter seinem damaligen Leiter Hermann Schittenhelm. Baumann gelang mit seinen Instrumentalisten ein feines Rubato-Spiel mit geschmeidigen Tempoübergängen.

Absolute rhythmische Sicherheit bewies das Hohner-Orchester bei dem Mambo aus der „West Side Story“. Unterstützt vom professionellen Schlagzeuger und Pauker meisterten sie alle Klippen der vertrackten Bernstein-Komposition.

Musikalische Stimmungsbilder erweckte Johannes Baumann und sein Orchester in der dreisätzigen Hans Boll-Suite „Reisebilder vom Balkan“. Im ersten Satz „Abendstimmung in den Bergen“ sah der Zuhörer vor seinem geistigen Auge die sinkende Sonne, schwang sich dann mit der Landbevölkerung in folkloristische Tänze auf, bis die Dunkelheit sich über die Szenerie senkte. Im zweiten Satz „In der alten Handwerksgasse“ war emsiges Treiben zu spüren. Morgenstimmung, die nach und nach von geschäftiger Hektik abgelöst wurde, breitete sich im dritten Satz „In einer Hafenstadt“ aus.

Orchester legt hochkarätige Zugaben drauf

Mit „Donner und Blitz“, einer rasanten Polka von Johann Strauß, die abermals die flinken Finger der Akkordeonisten und synkopierte Paukenschläge und Drive gebende Schlagzeug-Unterstützung bewundern ließ, verabschiedeten sich die Musiker in die Pause.

Zu Beginn des zweiten Teils hieß es „Sax Wie’s Isch“. Hinter dieser Wortspielerei verbirgt sich ein Saxophon-Quartett mit der Tübinger Saxophonistin Dinah Kuhn (Bariton-Sax), dem Villinger Musiker Werner Kiefer (Sopran- und Altsax), Ralf Vosseler, dem ehemaligen Leiter der Stadtkapelle Trossingen (Alt-Sax) sowie dem Schwenninger Stadtmusikdirektor Wolfgang Wössner (Tenor-Sax).

Durchsichtig klang ein frühklassischer Sonaten-Satz von Johann Christian Bach, dem jüngsten Sohn von Johann Sebastian Bach, auf Instrumenten, die es zu Bachzeiten noch nicht gab. Bei dem Medley „Comedian Harmonists“ unddem „Tiger Rag“ sowie „An Englishman in New York“ wirkte die rhythmische Struktur etwas verwaschen durch unruhiges Zusammenspiel und instabilen Beat. Nach zwei vom Publikum geforderten Zugaben überließ das Quartett die Bühne wieder den Gastgebern. Die hatten zum Abschluss noch ein Sahnehäppchen bereit: den Tanz der Stunden aus „La Gionda“ von Amilcare Ponchielli. Da waren auch musikalische Pausen mit Spannung geladen, da stimmte jedes Detail dank vorangegangener gewissenhafter, akribischer Probenarbeit.

Doch die Musiker und ihr Dirigent zeigten sich nach dem offiziellen Programm keineswegs erschöpft. So wurden noch drei hochkarätige Zugaben draufgelegt. Nach einem rassigen Tango-Medley begeisterte das Orchester mit Leroy Andersons rasanten „Fiddle Faddle“, einem ursprünglich für virtuoses Streichorchester komponiertem Dreiminuten-Stück mit einem rhythmisch überraschenden Trio.

Mit dem majestätischen Konzertmarsch „Pomp and Circumstance“ des Engländers Edward Elgar beendete das Hohner-Akkordeonorchester sein Konzert.

Besonders lobende Erwähnung gebührt den Gestaltern der ausgelegten Programme. Alle Orchesterstücke waren durch wenige, treffende Erläuterungen charakterisiert. Dadurch erübrigte sich eine Moderation und das Publikum wusste, wann zu applaudieren war.

 

Schwäbische Zeitung vom 9.3.2015, Jutta Bärsch