20 Jahre Dirigent

"Das Orchester zu ungeahnten Höhen geführt"

"Er hat uns gezeigt, was hinter den Noten steht. Er hat uns zu ungeahnten Höhen geführt", sagen Spieler des Hohner-Akkordeon-Orchesters 1927 über ihren Dirigenten Johannes Baumann. Heuer feiert der Künstler Jubiläum: Seit 20 Jahren leitet er das Orchester.

Trossingen. Wenn man Johannes Baumann bei einer Probe mit seinem Orchester beobachtet, erkennt man nach kurzer Zeit, dass hier ein leidenschaftlicher Dirigent am Werk ist, dem die Musik im besten Sinne des Wortes ein Herzensanliegen ist; ein Künstler, der das Wesen einer Komposition weitaus mehr emotional als intellektuell und analytisch erfasst, um es an seine Musiker weiterzugeben.

Johannes Baumann versucht nicht, eine musikalische Schöpfung in irgendeine Richtung zu interpretieren, sein Anliegen ist es vielmehr, sie zu erkennen. Und das hört man. Durch die intuitive Verbindung zwischen Orchester und Dirigent entsteht nicht selten jene einzigartige Aura aus Spielfreude, Tiefgang und Spontaneität, die sich während eines Konzertes in wunderbaren Klangereignissen für Orchester und Publikum äußern kann - Augenblicke, wie sie so selbst in der intensivsten Probe nicht einstudiert werden können. "Das wurde mir von Kollegen auch schon bestätigt", sagt Johannes Baumann nicht ohne Stolz, der ansonsten eher den Gegentypen des medienbewussten Pult-Protagonisten verkörpert.

Als er vor 20 Jahren Dirigent des Hohner-Akkordeon-Orchester 1927 wurde, das zu den herausragenden Wegbereitern der Akkordeonmusik im 20. Jahrhundert zählt, hat Johannes Baumann ein großes Erbe angetreten. Die Erwartungen an ihn waren hoch, schließlich zählten große Pioniere der Akkordeonbewegung wie Hermann Schittenhelm, Rudolf Würthner, Hans Rauch und Karl Perenthaler zu seinen Vorgängern. "Bis zum heutigen Tage habe ichs nicht ein einziges Mal bereut, dass ich dieses Orchester übernommen habe", erzählt der 1959 im schönen badischen Weinort Oberkirch geborene Künstler. So, wie er das sagt, ist es gewiss keine Höflichkeitsfloskel - man glaubt ihm das sofort.

Der Erfolg gibt ihm Recht. Nicht nur das Publikum, auch die Mitglieder des Orchesters sind angetan von ihrem Dirigenten. "Eigentlich bin ich ja eher Solist, aber mit Johannes Baumann zu musizieren, das ist einfach einmalig, etwas, das ich nicht vermissen möchte", sagt etwa der aus England stammende Akkordeonist John Tilt. Und Helga Dobler, die verstorbene Ehefrau des Akkordeonisten und Orchesterdirigenten Fritz Dobler, hat Johannes Baumann quasi den Ritterschlag erteilt: Neben ihrem Mann sei er der beste Dirigent, den sie kenne, stellte sie einmal überzeugt fest.

Johannes Baumann studierte nach Abitur und Wehrdienst am Trossinger Hohner-Konservatorium. Seine Ausbildung zum Dirigenten absolvierte er bei Karl Perenthaler, den er "ein Phänomen" nennt, Bernd Maltry und eben auch Fritz Dobler: "Von ihm habe ich musikalisch sicher am meisten profitiert", sagt Baumann, der im Laufe seines musikalischen Werdegangs auch sinfonische Erfahrungen gesammelt hat und neben den Trossingern noch den Handharmonika-Club Rötenbach und das Akkordeonorchester Gäufelden sowie den Musikverein Tuningen - eine reine Bläserformation - leitet. 85 Jahre alt ist das Akkordeon-Orchester 1927 inzwischen und in den vergangenen beiden Jahrzehnten hat Johannes Baumann den Musikerinnen und Musikern - überwiegend ambitionierte Liebhaber, aber auch einige Profis - die Pforten zu ganz neuen musikalischen Ebenen geöffnet. Er führt "mit emotionalen und begeisternden Aufführungen immer wieder zu beachtlichen Erfolgen und wagt dabei den heute mehr denn je geforderten Spagat zwischen Tradition und Innovation", heißt es dazu treffend auf der Homepage, des "Hohner- oder Schittenhelm-Orchesters", wie das Akkordeon-Orchester 1927 auch noch gerne genannt wird.

In den zurückliegenden Jahren konnte das Orchester zusammen mit Johannes Baumann in Trossingen und landesweit viele Konzert-Triumphe mit anspruchsvollen und herausfordernden Kompositionen feiern. In bleibender Erinnerung geblieben sind dem sympathischen Kapellmeister unter anderem die temperamentvolle und rhythmisch sehr schwierige "Sinfonietta dramatica" von Stevan Divjakovic oder die "Ballettsuite" von Hans Brehme in der Bearbeitung von Rudolf Würthner, den Baumann noch persönlich kennen gelernt hat. Überhaupt: "Rudolf Würthner schätze ich immer mehr, er hat ganz phantastische und gute Stücke geschrieben und auch hervorragend arrangiert."

Für die kommenden 20 Jahre hat Johannes Baumann, seines Zeichens auch Landesdirigent und Juror bei nationalen und internationalen Wettbewerben, zwar keine Visionen im utopischen Sinn, es ist ihm allerdings ein aufrichtiges Anliegen, das Akkordeonorchester 1927 weiter zu entwickeln. Er möchte die Begeisterung und Spielfreude seiner Spielerinnen und Spieler aufrecht erhalten, wenn nicht gar noch weiter steigern. Voraussetzung dafür sind für ihn neue und interessante Kompositionen genauso wie eine hör- und spürbare "innere" Musikalität des Orchesters: "Es ist doch einfach wunderbar, wenn musikalische Ausdruckskraft von den Spielern selbst kommt . . .".

Bericht am 3.5.2012 in der Südwestpresse/ Die Neckarquelle

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