Südwestpresse/ Die Neckarquelle vom 13.3.2012

Feingefühl fürs Spannungsfeld

 

Wie sehr sich das Hohner-Akkordeonorchester 1927, das weit über die nationale Akkordeonszene hinaus als "Traditionsorchester" gilt, dieser Tradition verpflichtet fühlt, bewies es mit seinem Konzert zum 85-jährigen Bestehen.

Trossingen. Vor zahlreichen Freunden des Akkordeon-Orchesterklangs aus nah und fern hob dieser Jubiläumsabend im Trossinger Dr. Ernst-Hohner-Konzerthaus auf die beiden wesentlichen Entwicklungslinien solcher Orchestertradition seit den Anfängen der "Akkordeonbewegung" in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ab, die nicht zuletzt auch mit dem Namensgeber des Trossinger Konzerthauses verbunden sind.

Das Eintreten von Dr. Ernst Hohner für die nötige Anerkennung des Akkordeons auch in der sogenannten E-Musik und nicht nur in Schlager und Volksmusik führte zu vielen Originalkompositionen wie auch zu beachtenswerten Adaptionen klassischer Musik. Nicht alles lässt sich für Akkordeonorchester bearbeiten. Aber was das Trossinger Orchester am vergangenen Samstagabend im zweiten Teil bot, überzeugte. Die maßgeblich vom Dirigenten, Johannes Baumann, bestimmte Programmwahl ließ viel Feingefühl für dieses Spannungsfeld erkennen.

Im ersten Teil kamen nach der "Ouverture caprice" von Altmeister Rudolf Würthner, die den Klangfarben des chorisch eingesetzten Akkordeons ein erstaunlich breites Spektrum erschloss und durch klare Stimmführung bestach, mit der Ballettsuite von Hans Brehme und dem "Triptychon" von Paul Kühmstedt Kompositionen zu Gehör, die sich mutig in der Tonsprache der klassischen Moderne bewegten und dabei mit polychromen und polytonalen Elementen nicht sparten. Dafür wurde bei den Elektronien Zurückhaltung bewiesen, was der Vielfalt des reinen Akkordeonklangs zugute kam.

Dass der zweite Teil mit höchst konzertanten und zugleich leichtgängigen, weil beschwingten Bearbeitungen der Romantik den Zuhörern spürbar besser gefielen, war nur zu verständlich. Umso mehr ist der Tribut an die Entwicklung der orchestralen Akkordeonmusik zu würdigen, der im ersten Teil zum Ausdruck kam.

Mit Jacques Offenbachs Savoyarde-Ouvertüre, drei Slawischen Tänzen von Antonin Dvorak und den urigen Polowetzer Tänzen von Alexander Borodin begeisterte das Orchester seine Zuhörer, wobei eine vom Dirigenten Johannes Baumann gefertigte Dvorak-Bearbeitung durch ihre Spritzigkeit und Transparenz den Vogel abschoss.

Als stürmisch verlangte Zugaben erklangen ein fetziger Akkordeonmarsch und ein zauberhaftes Arrangement des gefühlvollen irischen Liebeslieds "O Erin Dear", bekannt auch als "Londonderry Air".

 Autor: Jörg Tisken

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