„Die große Reise des Akkordeons“

Ein Kolumbianer dreht in der Musikstadt Trossingen einen Dokumentarfilm über das Instrument

Artikel in der Harmonica International (HI)5/ 2011

„Die große Reise des Akkordeons“ muss früher oder später auch nach Trossingen führen. Und so werden Szenen für den künstlerischen Dokumentarfilm, der diesen Titel trägt, in der Musikstadt aufgenommen. Die deutsch-kolumbianische Ko-Produktion erzählt vom gemeinsamen Nationalinstrument Akkordeon, das in beiden Kulturen – der kolumbianischen und der deutschen – eine ganz wichtige Rolle spielt und diese beiden Kulturen auf sonderbare Weise verbindet.

In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts schickte die Firma Hohner eine Lieferung „Corona III“-Akkordeons für den argentinischen Tango nach Buenos Aires. Doch die Ladung kam nie in Argentinien an. Ein Motorschaden zwang den Frachter, vor der kolumbianischen Karibikküste zu ankern. Das Schiff sank, die Akkordeons wurden an Land gespült. „Und dieses Ereignis veränderte für immer die Musikgeschichte meines Landes“, so Reinaldo „Rey“ Sagbini Echavez, Regisseur und Drehbuchautor des Films „Die große Reise des Akkordeons“. Denn seitdem ist das Akkordeon in seinem Heimatland allgegenwärtig und prägt auch die Vallenato-Musik, die karibische Musik Kolumbiens, die mit Trommel, Güira (ein Schlaginstrument) und dem deutschen Akkordeon gespielt wird.

„Ich als Kolumbianer konnte das Akkordeon nie ignorieren“, sagt Rey Sagbini, „ich habe es vom Mutterleib an bis heute gehört.“ Als er vor einigen Jahren in Hamburg studierte und arbeitete, setzte er sich daher eines Tages in einen Zug, um „zum Mekka des Akkordeons“, nach Trossingen, zu fahren. Er konnte dank Akkordeon-Produktchef Horst Fausel die Firma Hohner besichtigen, und abends hörte er dann eine Probe des Hohner-Akkordeonorchesters 1927. Ein Orchester rührt zu Tränen Dieses Erlebnis war, so erzählt er, die Initialzündung für seinen Film, an dem er seit nunmehr drei Jahren arbeitet:

Hier war eine Musik, die so ganz anders war als die Akkordeon-Musik, die er von Kolumbien her kannte, und die ihn dennoch oder gerade deswegen „bezaubert“ habe. „Ich hatte Tränen in den Augen“, erinnert sich Rey Sagbini. In diesem Moment sei ihm klar geworden: „Ich muss einen Film darüber machen.“ Hier war das gleiche Instrument, die gleiche Leidenschaft, aber ganz unterschiedliche Interpretationen. Der Film erzählt im ersten Teil die oben zitierte, zwar nicht dokumentierte, aber mündlich überlieferte Geschichte, wie die Hohner-Akkordeons nach Kolumbien kamen. Er folgt dann dem kolumbianischen Vallenato-Meister und „König des Akkordeons“, Manuel Vega, auf seiner Weltreise auf der Suche nach den Wurzeln des Vallenato. Diese führte ihn auch nach Trossingen. Eine gemeinsame Session mit dem Hohner-Akkordeonorchester ist der Höhepunkt des Films.

In Trossingen hat das Team einen Fototermin und eine Probe des Hohner- Akkordeonorchesters 1927 gedreht. Außerdem wurden hier Szenen in der Hohner-Fabrik (teilweise mit historischen Kostümen) und spektakuläre Bilder aus der Umgebung vom Schwarzwald bis zum Bodensee aufgenommen. „Es wäre schön, wenn der Film eines Tages auch hier im Kino laufen würde“, sagt Rey Sagbini, „denn es ist ein Trossinger Film“. Frank Czilwa (Schwäbische Zeitung/Trossinger Zeitung) „Die große Reise des Akkordeons“ auf einen Blick: „Die große Reise des Akkordeons“ (oder auf spanisch „El gran viaje del acordeon“) ist eine deutsch-kolumbianische Koproduktion von Aurora Films und Ciudad Lunar. Zu den Sponsoren gehören Hohner, die Kulturbehörde Hamburg, die Universidad de Magdalena, Greenage, Videodata (Hamburg), Fairlines (Hamburg), Colciencias und Sara Araujo. Drehorte waren und sind außer Trossingen, Tuttlingen und Villingen sowie Hamburg, Lüneburg, Neuschwanstein und Füssen auch Sagbinis Heimatstadt Valledupar, Cartagena, Sincelejo, die Guajira-Wüste, die Sierra Madre de Santa Marta und weitere Orte in Kolumbien.

Regie: Rey Sagbini; Co-Regie: Andrew Tucker; Tonmeister: Leandro Herrera; Kamera: Andrew Tucker und Rey Sagbini; Drehbuch: Sven Olsson, Rey Sagbini und Andrew Tucker. Rey Sagbini hat schon einige Kurzfilme gedreht, unter anderem „In der Morgendämmerung“, der an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg, entstand und auf mehreren Festvials zu sehen war. Der Dokumentarfilm „Die große Reise des Akkordeons“ ist sein erster Langfilm. (fawa)